Folge 62: Zwischen den Zeilen 5: Das Kahlschlag-Plenum – provoziert von Jurek Becker?

Shownotes

Selbstironieverlag: www.selbstironieverlag.de

Gastgeber Tilman Lucke: www.tilmanlucke.de

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00:00:01: Zungenspitzer,

00:00:02: der Podcast

00:00:03: mit Tillmann Lukke.

00:00:08: Herzlich willkommen zum Zungsspitzer-Podcast rund um Kabarett und Comedy!

00:00:11: Unter dem Motto zwischen den Zeilen geht es hier einmal im Monat um ein kleines Kapitel aus der reichhaltigen Geschichte des Kabaretts in der DDR.

00:00:19: Und damit das klappt brauche ich natürlich professionelle Hilfe und zwar wie immer von Jürgen Klammer vom Selbstironie Verlag.

00:00:25: Hallo?

00:00:27: Ja, ich bin wieder mal dabei um eine Geschichte zu erzählen die nicht so richtig bekannt ist, weil es eigentlich eine Hintergrundgeschichte ist.

00:00:38: und am interessantesten sind ja die Hintergrund-Geschichten denn kürzlich wurde ich mal mit dem Satz zitiert je tiefer man gräbt desto interessanter wird es.

00:00:50: Und auch in diesem Fall habe ich sehr intensiv gegraben.

00:00:54: aber ich will mal ganz groß politisch groß beginnen eine wichtige parteipolitische Veranstaltung, das elfte Plenum des Zentralkomitees der SED.

00:01:11: Was ist ein solches Plenums?

00:01:15: Ich kann mir denken dass jeder weiß was ein Parteitag ist.

00:01:19: Parteitage gibt es ja auch heute noch.

00:01:21: in der DDR waren die Parteitages und ich spreche jetzt natürlich nur von den Parteitagen der sede.

00:01:27: über die anderen müssen wir gar nicht reden.

00:01:28: Nein ich sprech von den Parteitagen.

00:01:31: Sie fanden alle vier, fünf Jahre statt und zwischen den Parteitagen kam natürlich auch die Polit-Elite zusammen.

00:01:44: Und das waren die sogenannten Tagungen des Zentralkommittees der SED.

00:01:51: Sie trafen sich zwischen dem Parteitag in alle drei, vier Monate Dezember, zu dem berüchtigten Elften Plenum der ZK der SED bekannt auch in der Geschichte als Kahlschlagplenum.

00:02:15: Was war der Schwerpunkt dieses Plenums?

00:02:18: Es sollte eigentlich um Wirtschaftsfragen gehen aber aus irgendwelchen Gründen kam dann doch kulturpolitische Themen in den Mittelpunkt dieser Tagung.

00:02:29: Dieses Plenum ist bei dem einen oder anderen vielleicht auch bekannt durch das Schlusswort von Walter Ulbricht, was gelegentlich im Radio zu hören ist wenn es um die Musik in der DDR, um die Popmusik oder die elektronische Musik wie es am Anfang auch hieß in der DDR ging.

00:02:52: Ist es denn wirklich so dass wir jeden Treck der vom Westen kommt, nur kopieren müssen.

00:03:00: Ich denke genossen mit der Monotonie des Jejeje und wie das alles heißt ja sollte man doch Schluss

00:03:09: machen.".

00:03:10: Wenn man aber sich das gesamte Schlusswort anhört was Rolpech gehalten hat findet man auch ein Zitat von ihm wo er sich einen Einziges Mal und wirklich nur ein einziges mal auch zum Kabarett, die Distel geäußert

00:03:24: hat.

00:03:25: Wenn der Berliner Distel gesagt wird das der und er noch da ist und dann sagt ja der ist auch noch da womit ich gemeint war brauchen sie sich nicht zu wundern wenn eines Tages sein Gewitter niedergeht über die Betreffenden mit einer offenen Auseinandersetzung über die Frage.

00:04:04: Wenn man dieses Zitat hört, fragt man sich.

00:04:09: Da muss doch in irgendeiner Weise in diesem damals laufenden Programm irgendetwas gewesen sein was mit Walter Ulrich zu tun hat.

00:04:20: Ich habe mir die Mühe gemacht Und habe mir die Texte dieses Programms herausgenommen und fand einen Text, der sich auf Walter Ulbricht bezieht.

00:04:34: Ich war überglücklich als ich im Archiv der Distel auch eine Tonaufnahme von diesem Text gefunden habe.

00:04:42: Wenn man sich dann diesen Text oder Teile des Textes anhört und mit den Schimpfkanonaden von Walter Ulbrich abgleicht wird einem richtiggehend bewusst, welche Sicht die doch sehr dogmatischen und kleinbürgerlichen Moskau geprägten Funktionäre um Walter Ulbricht hatten.

00:05:08: Denn der damalige Disto-Direktor Georg Honigmann war auch ein Kommunist.

00:05:17: Er kam aber aus bürgerlichem Hause und er war in der westlichen Immigration und hatte einen ganz anderen Kultur, historischen Kulturpolitischen Hintergrund als Walter Ulbricht und hat sich getraut diesen Text auf die Bühne zu bringen.

00:05:33: Worum geht es in diesem Text?

00:05:35: Der Text hieß der Kabarettplan Und wer DDR Geschichte kennt dem ist bekannt dass in der DDR permanent geplant wurde.

00:05:47: Es gab nicht nur Jahrespläne Und einer der Perspektivpläne war ein Fünf-Jahresplan.

00:05:53: Denn die Idee des Autos war, dass sich ein Kabarett auch Gedanken machen sollte welche Themen denn nicht im Jahre nineteenhundertfünfundsechzig oder sechsensechszig auf die Bühne sollten sondern welche Themen es perspektivisch schon im Jahr neunzehnhundertsiebzig auf der Bühnen behandelt werden könnten.

00:06:15: Wir spielen den Text einmal eingespielt von Otto Stark als damals nur schauspielender Kabarettdirektor.

00:06:24: Drei Jahre später ist es dann richtig geworden und von Helga Donner der Testerin für Politik.

00:06:31: Überall, wo man hinblickt ist ein großes Flanengange bis neunzehntundersiebzig.

00:06:36: Nun wir haben uns gesagt Plan muss sein

00:06:38: und einige unserer Textautoren gebeten sich

00:06:40: ein paar Gedanken zu machen wie es rein kabarettmäßig bis neunsinnhundertsiebzig aussehen wird.

00:06:46: Aber da isst ja unsere Texterin für Politik nicht wahr?

00:06:50: Ja küsste Hand mir Frau!

00:06:51: Wie geht's denn?

00:06:52: Bitte wollen Sie doch mal setzen hier!

00:06:54: Wie sieht´s denn bei Ihnen

00:06:55: aus?

00:06:58: Ich muss

00:06:58: Ihnen ganz ehrlich sagen, gerne tue ich es nicht.

00:07:00: Ach!

00:07:01: Ich habe sehr mit mir kämpfen müssen bevor

00:07:03: ich mich untergekriegt

00:07:04: habe.

00:07:04: Los, frisch von der Leber weg!

00:07:06: Also was wollen Sie wissen?

00:07:07: Alles alles bis neunzehntundundsiebzig!

00:07:12: Alles?!

00:07:12: Ja!

00:07:13: Gut... aus wie der Bundeskanzler!

00:07:16: Das ist ja keine Quatsch!

00:07:40: Und bei uns auch!

00:07:41: Der Ulbrich!

00:07:41: Wissen du was mit dem isst?

00:07:43: Na was denn?

00:07:43: Der Ulprich, der ist dann siebensevzig!

00:07:47: Also da wollen Sie noch mehr wissen!

00:07:58: An der Intensität und an der Länge des Beifalls konnte man im DDR-Kaverrett immer erkennen, Wann der jeweilige Auto oder der Kabarettist es besonders intensiv getroffen hat?

00:08:15: Wir hören das nochmal Walter

00:08:16: Ulrich dran.

00:08:18: Wenn der Berliner Distl gesagt wird, dass er und er noch da ist und dann sagt Ja, der ist auch noch da, womit ich gemeint war.

00:08:31: Brauchen Sie sich nicht zu wundern wenn eines Tages ein Gewitter niedergeht Über die Betreffenden mit einer offenen Auseinandersetzung über die Frage, welche Stellung sie zum Staat und zur Staatsführung haben.

00:08:45: Hieran kann man erkennen wie das System funktioniert.

00:08:49: Irgendjemand von den höheren Parteifunkzernären muss weiter Ulbricht hinter tragen haben.

00:08:55: Sein Name wird dort genannt in der Diesel.

00:08:59: Denn die Namen der Politiker – wenn man sie denn nicht gerade lobte oder lobudelte – waren auf der Kabarettbühne der DDR-Tampo.

00:09:08: Hier ist ja nur gesagt worden, wie alt er im Jahre neunzehntenhundertsiebzig ist.

00:09:13: Es wird ja gar nichts dazu gesagt ob er das Amt noch hat oder nicht.

00:09:20: Was noch dazukommt?

00:09:23: Ist der der Umstand dass der Autor den Text im Jahr neunzenhundertfünfund siebzig geschrieben hat?

00:09:32: Nicht wusste Das Walter Ulbricht Im Jahre Neunzehnhundert Ein Jahr später, ohnehin von Erich Honegger abgelöst wurde.

00:09:44: Es war eine Weise voraussicht des Autors dieses Textes.

00:09:48: und jetzt habe ich mir die Mühe gemacht nachzuschauen.

00:09:52: wer von den damaligen Distellatoren hatte denn diese geniale Idee aus meiner Sicht und es ist ein später sehr bekannter Buchautor geworden, Buch- und Filmautor.

00:10:07: Der Text der Kabarettplan in dem Programm Bette sich wer kann stammt von Jurek Becker Und erzählt wird immer wieder die Geschichte das zur Zeit des Kabarettdirektors Hans Krause.

00:10:24: Ich würde mal sagen Anfang der sechziger Jahre Ein junger Mann Jürg Beckert zum Disco-Direktor kam und sagte, er könnte Kabarettexte schreiben.

00:10:35: Und der hatte hier ein paar Beispiele, ob sie ihm seine Texte abnähen können.

00:10:39: Dieser junge Mann war Jürgen Beckert.

00:10:41: Er kam schon damals immer in Begleitung seines Bodyguards.

00:10:46: Der da den Namen hat Manfred Krupp.

00:10:51: Die beiden kannten sich schon in diesen Jahren und Jurek Becker war Anfang der sechziger Jahre wegen politischer, negativer Meinungen als Student der Humboldt-Universität relegiert worden.

00:11:04: Und versuchte sich eben mit was bei sich bisschen Lürek und ein bisschen Kabarettexte schreiben, einigermaßen Geld zu verdienen bis er dann eben der Große aber das war viele Jahre später Autor von Jakob de Lügner wurde wobei man noch dazusagen muss Jürgen Becker gehörte neben Manfred Krug, Helmatate und Angele Rathom-Röse und vielen anderen zu den ersten Unterzeichnern im Jahr neunzehnt sechsten siebzig des Briefes an die Parteiführung wo man sich über die Ausweisungen von Wolf Biermann beschwerte was dann dazu führte dass er wie auch sein Freund Manfred Krog sein alter Bodyguard dann nach West-Berlin ausreisen durfte.

00:11:53: und bekannterweise hat er für seinen langjährigen Freund Manfred Krug Traumrollen für das Fernsehen geschrieben.

00:12:01: Die Drehbücher von der beliebten Sendung Liebling Kreuzberg stammen alle von Jurek

00:12:08: Becker Und das, da es dann so viele Künstler ausgereist sind ist vielleicht noch der viel größere Karlschlag in der DDR-Kultur gewesen.

00:12:17: Ja aber es war eine andere Form von Karlschlag.

00:12:20: während also der Karl schlag damit gemeint ist dass man dass die Partei auf die künstler ein Schluck war natürlich der Brief der erste Unterzeichnung als Missensoft.

00:12:33: Es wurden dann viel mehr, es wurden dann hundert oder tausend so vielleicht sogar.

00:12:38: Aber die ersten fünfzehn oder zwanzig waren die entscheidenden das man wirklich hoch anerkannte Künstler in der DDR.

00:12:45: Die führten natürlich zu einer Unruhe unter der Künstlerschaft, der man in der DDR versuchte zu begegnen indem man sie zeitweilig in den Westen ausreisen ließ mit der Möglichkeit doch wieder zurückkommen zu können, was sie natürlich in der Regel dann nicht

00:13:06: macht.

00:13:07: Ja da sieht man wie Kabarett immer wieder auch Teil von größeren Geschichten ist unter anderem eben von diesen elften Plänen um das die ganze die gesamte Kultur in der DDR betraf.

00:13:17: und ja deswegen danke ich dir wieder für diese schöne Geschichte.

00:13:20: oder ja schön im Sinne von interessant!

00:13:23: Und dann freue ich mich schon auf den ersten August wenn wir uns wieder hören.

00:13:27: dann zur unter dem Motto zwischen den Seilen und dann widmen wir uns der Pfeffermühle aus Leipzig.

00:13:36: Tschüss!

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