Folge 61 - Zwischen den Zeilen 4 - Da hat vor 50 Jahren noch keiner dran gedacht
Shownotes
Selbstironieverlag: www.selbstironieverlag.de
Gastgeber Tilman Lucke: www.tilmanlucke.de
Zungenspitzer-Festival: www.zungenspitzer.de
alle Folgen: www.zungenspitzer.de/podcast
Transkript anzeigen
00:00:01: Zungenspitzer, der Podcast mit Tillman Lucke.
00:00:08: Willkommen zum Zungsspitzer-Podcast rund um Kabarett und Comedy!
00:00:11: Mein Name ist Tillmann Lucke.
00:00:12: ich bin ein Kabarettist aus Berlin und das hier ist die Sechzigste Folge wie immer mit meinem Gesprächsgast Jürgen Klammer vom Selbstironie-Verlag, der sich zum Thema DDR-Kabarett viel besser auskennt als ich.
00:00:24: Deshalb spreche ich jeden Monat mit ihm unter dem Thema zwischen den Zeilen.
00:00:29: und zwischen den Seilen deswegen weil es sich natürlich auf die Geschichte des Kabaretts in der DDR bezieht.
00:00:36: Und da haben wir uns für diese Folge eine Dote, eine kleine Geschichte rausgesucht aus dem Jahr nineteenhundertsechzig.
00:00:43: Es geht um ein Couplet Um ein Couplet mit der Couplet-Endzeile, da hat vor fünfzig Jahren noch keiner dran gedacht.
00:00:54: Spricht man heute noch sehr ältere Bürger in der DDR an die damals sich mit Caparet beschäftigen weil sie in den Diesel oder woanders hingegen oder Unterhaltungssendungen gesehen haben?
00:01:07: Dann sagen die ja das wie daran können wir uns noch erinnern Denn dieses Lied war nicht nur ein Lied in der Diesel und damit nur im begrenzten Umfeld bekannt.
00:01:19: Nein, es war Republik weit bekannt!
00:01:23: Und die Geschichte des Liedes, damit ist eine ganze Menge große Politik verbunden.
00:01:28: Ein Couplet ist sicher eine Kabarettform, die leider muss ich sagen heute nicht mehr gibt.
00:01:36: Sie ist eigentlich Formal sehr viel Möglichkeiten bietet, aber wahrscheinlich machen sich die heutigen Kabarettisten oder die heutige Autoren das alles viel zu einfach und machen sich nicht die Mühe ein Lied zu schreiben was aus in der Regel sechs bis zehn Stufen besteht.
00:01:58: Und in jeder Strufe eine eigene kleine Geschichte erzählt wird, die dann immer mit einer Kuppelzeile endet.
00:02:06: Es gab zwei Künstler, die als die Protagonisten dieses Liedes republikweit bekannt wurden.
00:02:14: Nämlich die beiden Distelschauspieler Elenditke und Gustav Müller.
00:02:21: Das Lied ist aber gar nicht für die Distel entstanden Sondern es war ein Auftragswerk zu einer Kulturkonferenz Die im Jahre nineteen Hundertsechzig stattfand.
00:02:38: Zwei Jahre zuvor gab es ja den Bitterfelder Weg, das heißt diese Kulturinitiative groß angekündigt.
00:02:47: Künstler geht in die Betriebe und schreibt über die Arbeiter und Arbeiter greift zur Feder.
00:02:59: Und zwei Jahre nach dieser Bitterfelder Konferenz hatte die Partei beschlossen im Rahmen einer Kulturkonferenz mit drei Tausend Delegierten.
00:03:11: Die Erfolge des Bitter Felder Weges, den man ja eingeschlagen war mal zu resimilieren und festzustellen.
00:03:18: ist es denn besser geworden?
00:03:19: Wie soll's in Zukunft weitergehen?
00:03:21: Und diese Bitterfelder Konferenz fand im VEB Elektrokohle in Berlin-Lichtenberg in der Herzbergstraße statt.
00:03:32: Die Delegierten saßen da zwei, drei Tage zusammen und wie das so üblich war machte man für die Delegierten dann auch noch im Anschluss eine Kulturveranstaltung mit im Sinne einer Estrade.
00:03:47: Für diese Veranstaltung bekam Der Lyriker Heinz Kahlau, bekannt eigentlich für seine Liebeslyrik den Auftrag ein Komplett zu schreiben mit dem Titel.
00:04:04: Da hat vor fünfzig Jahren noch keiner dran gebracht.
00:04:32: Der Mensch verliebt sich heute mit kosmischem Niveau.
00:04:36: Beschaut mit viel Interesse Frau Lunas Prachtpuppo,
00:04:40: dass er auch mit Frau Venus schon
00:04:42: blinke-blinke macht.
00:04:55: Diesen kleinen Liedchen ist das Programm nun aus.
00:04:59: Ihr wart uns eine Freude!
00:05:05: Ein Mubsfriedeles Haus Wenn man sich das jetzt anhört, eigentlich ziemlich banal.
00:05:23: Dadurch dass dieses Lied entstanden ist im Auftrag der Partei hat die Partei natürlich erkannt, dass man das auch in den großen Unterhaltungssendungen, die damals im Fernsehen und im Radio der DDR liefern nutzen kann.
00:05:40: Und so wurden Elen Tietke Und Gustav Müller immer wieder gebeten auf großen Veranstaltungen, seien es Gewerkschaftsveranstaltung.
00:05:50: Seien es die Unterhaltungsabende Dalach der Bär, die im Fernsehen auch übertragen wurden.
00:05:55: Immer wieder mit neuen Strophen zu singen.
00:05:58: Aber nach zwei Jahren hatte zumindest Elm Titke die Nase voll und ihm die Entscheidung das Lied nicht mehr zu singe Führte sie auf ein Erlebnis auf der Straße zurück.
00:06:10: Ein Arbeiter hatte sie, wie sie mir später erzählte, spontan angesprochen.
00:06:17: Ich muss dir mal was sagen.
00:06:18: Hast du das nötig?
00:06:20: Elm tit gewusst die gleich worauf er anspielte.
00:06:23: Gemeint waren die immer peinlicheren Lobhudeleien in den Strophen, die von dem Verantwortlichen des Fernsehfunks besonders gern im Vortrag aufgenommen
00:06:34: wurden.".
00:06:35: Sie sagte, wir haben es jetzt ja lang gesungen und hatte sich dann auch geeinigt mit Gustav Müller das Lied nicht mehr zu singen.
00:06:45: Die letzte Strophe haben sie im Herbst zweiundsechzig gesungen.
00:06:50: die zitiere ich mal kurz.
00:06:52: Das Liedchen nun wird heute zum letzten Mal kreiert.
00:06:56: hab Dank ihr lieben Leute.
00:06:59: Wir sind direkt gerührt dass man mit so einem Militchen zu viele Mäuse macht, da hat vor fünfzig Jahren noch keiner dran gedacht.
00:07:08: Damit war im Herbst für Ellen Titke die Sache beendet und letztendlich für Gustav Müller auch.
00:07:14: Er verlor ja nur seine Partnerin.
00:07:17: Ende des Jahres nineteenhundertzeigundsechzig bekam Ellen Titker einen Anruf vom Fernsehfunk Und dort wurde ihr gesagt, sie solle noch ein einziges Mal dieses Lied singen.
00:07:31: Denn es gibt eine große Festveranstaltung zum geplanten sechsten Parteitag im Januar neunzehnhundertsechzig.
00:07:40: Da kommt sogar Kurschoff nach Berlin!
00:07:43: Sie müssen es noch einmal singen und da hat sich gesagt ja gut, einmal kann ich's noch singen.
00:07:54: Texte gebracht, die neuen Texte, die da gesungen werden sollten.
00:07:58: Und satt sie dann die Texte gelesen und meinte, ne... Die Strophen sind so schlecht gedichtet, schlecht gereimt und inhaltlich so schwachsinnig.
00:08:09: Nein!
00:08:10: Das singte ich nicht.
00:08:11: Und das hat sie auch dem Fernsehfunk, den damals Verantwortlichen für diese Veranstaltung Heinz Quermann gesagt, der ihr meintet, dass ist aber nicht gut, dass du uns in einer solchen Situation hängen
00:08:22: lässt.".
00:08:24: Tage später bekam sie den Anruf von der ganz jungen Helga Harnemann im Januar neunzehntundundsechzig, dann schon kurz bevor die Veranstaltung stattfinden sollte.
00:08:39: Du ich wollte dir nur sagen meinte Helga Hahnemann mir haben Sie das Lied angeboten und Ich werde es singen.
00:08:47: aber ich habe gesagt also wenn ich für die Tit gesinge und euch aus der Klemme helfe dann möchte ich etwas von euch haben.
00:08:55: Es geht nicht um Geld, aber ich möchte einen Vertrag über zwei Fernseh-Lustspiele
00:09:00: haben.".
00:09:01: Denn man muss wissen... Herr Gahanoman hatte im Sommer in der Pfeffermühle als Kapitalistin aufgehört und wollte zur Diestel.
00:09:12: Die Dieste brauchte sie aber nicht, nahm sie dem zufolge nicht.
00:09:16: Sie hing also rum und suchte nur nach irgendwelchen Möglichkeiten wieder ins Geschäft zu kommen.
00:09:22: Und dann kam es am zwanzigsten Januar, nineteenhundertsechzig zum Auftritt von Gustav Müller mit seiner neuen Partnerin Helga Hahnemann im in der Werner Seelenbinder-Halle.
00:09:41: Wir spielen euch mal einige dieser Strophen ein!
00:09:51: von wenigen Gehasst, dass er mit seinen Leuten die Weltgeschichte macht.
00:09:58: Da hat vor fünfzig Jahren noch keiner dran gedacht, dass ganz gewissen Leuten einen Dorn im Auge ist!
00:10:20: Der Schlosser und der Tischler haben jetzt... Das ist genau das Gegenteil, das ist Systemschmeicherlei Die Geschichte des Couples.
00:10:40: Er hat noch eine Nachgeschichte in Soweit.
00:10:44: Beide wurden anderthalb Jahre später noch einmal gebeten, dieses Lied in einer öffentlichen Veranstaltung zu singen und zwar in der Sendereihe Da lacht der Bär am sechsten Oktober nineteenhundertsechzig in der Dynamosport-Halle diese.
00:11:06: Die Sendung wurde auch vom Fernsehen ausgestrahlt.
00:11:09: Es war eine Sondersendung von der Sendereihe Dalach Der Bär zu Ehren des fünften Jahrestages der DDR mit dem Titel Wir gratulieren zum Fünfzehnten Jahrestag der DDR wieder in Anwesenheit von Walter Ulbricht, aber diesmal nicht Nikita Groschow denn er war zu diesem Zeitpunkt Sechste Oktober, nineteen hundert sechzig intern schon entmachtet.
00:11:36: Dafür war ein anderer Ehrengast gekommen nämlich Leonid Brezhnev.
00:11:41: Das lag wohl daran dass Brehnev noch nicht offiziell der erste Sekretär der KPDSU war denn er wurde erst am vierzehnten oktober also genau acht Tage nach diesem Besuch bei Walter Ulbricht in Berlin zum ersten Sekretäer bestimmt.
00:12:00: und Weil vermutlich außer Walter Ulbricht und einigen weiteren im engeren Kreis noch nichts von der Entmachtung Großschofs wussten, sang Herr Gahanemann und Gustav Müller folgende Strophe.
00:12:16: Nikita hat den Walther als alten Freund begrüßt was ganz gewissen Leuten einen Dornenauge ist.
00:12:24: Ein Schlosser und ein Tischler die haben heute die Macht.
00:12:29: Da haben Marx und Engels als Erste dran gedacht.
00:12:35: Man muss wissen, dass Leonid Brechnev kein Schlosser war und auch nicht Nikita hieß.
00:12:41: Er war Metallorin, Ingenieur.
00:12:45: Ihm wird wahrscheinlich nicht bewusst gewesen sein das sein Vorgänger nochmal gelobt wurde.
00:12:52: er hat es wahrscheinlich alles nicht übersetzt bekommen.
00:12:55: Es ist nur eine sehr schöne Geschichte die beweist, dass wenn Künstler nicht über alles informiert sind sie manchmal einen Fehlgriff zu können.
00:13:06: Keiner der beteiligten Künstlern auch nicht!
00:13:09: Der zwanzig-zwölf verstorbener Autor Heinz Kahlau können heute dazu befragt werden wieso gerade Marx und Engels für die letzte Zeile dieser auch in weltpolitischer Hinsicht missglückten
00:13:22: Strophe herhalten mussten.
00:13:25: Ja, das ist ja eine interessante Geschichte.
00:13:27: Dieses Couplet hatte was auch immer verschiedene Strophen je nach Anlass bekam und das ist eben ein Beispiel wie man sich als Kabarett oder als Satire auch ein bisschen ranschmeißen kann an die Mächtigen, weil es nicht immer so besonders sinnvoll ist.
00:13:42: Das war's mal wieder mit dem Zungsspitzer-Podcast zwischen den Zeilen.
00:13:47: Da freue ich mich schon auf den nächsten Termin!
00:13:48: Das ist der erste Juli wenn wir uns mit dem elften Plenum beschäftigen.
00:13:53: Wenn ihr jetzt
00:13:54: fragt
00:13:54: Was soll das denn sein?
00:13:56: Da müsste unbedingt mit dabei sein, wenn wir beide auch wieder hier sind.
00:14:00: Vielen Dank Jürgen Klamot!
00:14:01: Bis dann.
Neuer Kommentar