Folge 60: Zwischen den Zeilen: Erich Brehm – Erfinder des DDR-Kabaretts

Shownotes

Buch „Beim Barte des Proleten“: www.selbstironieverlag.de/buch-beim-barte-des-proleten

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00:00:01: Zungenspitzer, der Podcast mit Tillman Lucke.

00:00:08: Willkommen zum Zungsspitzer-Podcast rund um Kabarett und Comedy!

00:00:11: Ich bin Tillmann Lucke, Kabarettist aus Berlin und melde mich heute zum sechzigsten Mal hier zu Wort.

00:00:16: Ich bin natürlich nicht allein sondern spreche wieder mit Jürgen Klammer vom Selbstironieverlag das ich wie kein Zweiter mit dem Kabarett der DDR Zeit auskennt.

00:00:26: unter dem Thema zwischen den Zeilen gibt es je Menge aus dieser Zeit zu berichten.

00:00:31: Nachdem wir uns in den letzten zwei Monaten mit Edgar Kühler und Erich Löst befasst haben, widmen wir uns ab heute mal der Berliner Distl.

00:00:39: Und zwar in dieser Folge dem Gründer Erich Brehm.

00:00:43: Aber zunächst einmal Hallo Jürgen Klammer!

00:00:45: Ja ich stehe wieder bereit für die Vermittlung meiner Erkenntnisse, die ich in vielen, vielen Jahren gesammelt

00:00:53: habe.

00:00:53: Ja du sagst es gibt nämlich ein sehr interessantes Buch über die Geschichte der Distel, damals zum sechzigsten Geburtstag der Disteli geschrieben.

00:01:02: Immer noch sehr lesenswert und das verlinke ich auch wenn man das bestellen will.

00:01:07: also da sind viele große Geschichten aber auch kleine Anekdoten.

00:01:10: Und jetzt mal ganz einfach die Frage wer war Erich Brehm?

00:01:15: Erich Brem gilt als Gründer des DDR Kabarettes.

00:01:21: Bremen gründete mit der Diestel im Jahre nineteenhundertdreiundfünfzig das erste Kabarett, mit einer festen Spielstätte.

00:01:34: Es gab natürlich gleich nach fünfundvierzig in Berlin Ost wie in Berlin West wahnsinnig viele Kabarett-Grundungen weil man ein Kabarett ja ganz einfach machen kann.

00:01:43: Man geht in eine Knallbestellte auf den Tisch und recitiert einen Gedicht von Tacholsky oder von Kestner was ja damals viel passierte weil diese Leute bis fünfundvierzig verboten waren.

00:01:53: Es gründeten sich also sehr, sehr viele Kabarettes damals auch in der DDR und die Diesel war das erste Kabarett mit einer festen Spielstätte und zwar am Bahnhof Berlin Friedrichstraße wo es heute noch ist Friedrichs Straße Nummer einhundert.

00:02:12: Und die Gründung der Diesel und alles, was damit zu tun hatte war das Verdienst von Erich Bremen.

00:02:18: Und aus diesem Grunde würde ich mich gerne heute ein bisschen ausführlicher über Erich Brem mit euch unterhalten.

00:02:24: Aus

00:02:24: welchem Bereich kam er denn?

00:02:26: War er schon in der Zwischenkriegszeit in Berührung gekommen?

00:02:30: Erichbrem ist ein Ur-Berliner in Neukölln geboren, im Jahr zehnt und hat schon wie mir dann andere Leute erzählten... Ich habe ihn persönlich selbst nicht kennengelernt.

00:02:41: Leute, die mit ihm zusammengearbeitet haben, erzählten mir.

00:02:46: Er sei schon mit siebzehn Jahren auf dem Genasium in Neukölln mit einer kleinen Cover-Rett Revue aufgefallen.

00:02:54: Er war ein Aufbauchschüler also er muss aus einfachen Verhältnissen gekommen sein und hatte konnte sehr gut Gitarre spielen zwanziger und dreißiger Jahren.

00:03:07: Und er hat Parodien geschrieben zu damals bekannten Lelanden, als es dann in der sowjetischen Besatzungszone darum ging auch wieder Kabarett zu machen wurde Erich Brehm dann im Jahre Achtundvierzig von den damaligen Kabarettisten die sogenannte Reisekabarett leiteten ohne feste Spielstätte gebeten, doch sich stärker zu engagieren.

00:03:31: Denn Erich Brehm war eigentlich ein studierter Mathematiklehrer und er hat auch in diesen Jahren als Mathematiklehrerin gearbeitet und war gleich nach fünfundvierzig beim Magistrat als Stadtschulrat tätig und hat am Aufbau des Bildungssystems im Ost-Berliner Teil mitgearbeitet wurde dann aber eben gebetend für die damaligen kleineren Kabarett Texte zu schreiben, Regie zu führen und so kam er dann zu dem Kabarett die kleine Bühne.

00:04:05: Die aber eben ein Reisekabarett war weil sie in der gesamten damaligen DDR dann herumreisten.

00:04:12: und es war sein Ziel aus diesem damaliger Ensemble eine Truppe zu bilden und dieser Truppe eine feste Spielstätte zu geben.

00:04:23: Und das ist ihm nach langen, langen Diskussionen und Mühen gelungen gemeinsam mit Kollegen von der Zeitschrift Frischer Wind dem Vorläufer des Eulenspiegel den Magistrat von Berlin zu überzeugen ein Kabarett zu etablieren die entsprechenden Planstellen zu bereitzustellen.

00:04:46: und so kam es dann am zweiten Oktober, in der Friedrichstraße Nummer einhundert und eins zur Premiere des ersten Kabaretts mit einer festen Spielstätte.

00:04:59: Interessant ist vielleicht auch noch dass das Vorhabengründung eines Kabarettes in Berlin fast am siebzehnten Juni gescheitert wäre Denn die Vorbereitung liefen natürlich schon und der siebzehnte Juni brachte ja dreiundfünfzig alles durcheinander.

00:05:18: Aber ich habe Dokumente gefunden, wo der Oberbürgermeister von Berlin Herr Ebert am sechzehnten Juni seine Unterschrift gegeben hat zur Gründung dieses Kabarettes.

00:05:30: Infolge des siebzenten Juni oder kurz davor mit den ganzen Unruhen, die es schon auch davor gegeben hat gab es den von der SED-Spitze verkündeten neuen Kurs.

00:05:43: Wir machen es jetzt besser, wir gehen mehr auf unsere Leute zu.

00:05:46: und in Folge dieser Geschichte hat man natürlich gesagt das können wir auch kulturell unterstützen und durften jetzt nicht unbedingt diese schon entgründung befindliche Diesel wieder abwirken.

00:05:57: Und in dem ersten Auftrittslied von der Diesel ist auch von dem neuen Kors die Rede und das kann man sicher dann mal anhören.

00:06:04: Das erste Programm hieß Hurra Humor ist eingeplant.

00:06:08: Also das war natürlich auch wieder eine schöne Anspielung darauf, wie der Staat oder die Gesellschaft zu funktionieren hatte.

00:06:15: Ja da hören wir am besten gleich mal rein.

00:06:40: Ja, und dann ging das Programm seinen sozialistischen Gang wie man heute sagen würde.

00:06:44: Und das Finale hörte sich dann folgendermaßen an

00:07:39: Mit dem Janze ist natürlich auch wirklich das gesamte Berlin gemeint.

00:07:43: Das Berlin also auch mit den inklusive der Berliner Westsektoren und es hat in dieser Form die Dispel ewig lange gesungen, weil es immer dann zum Finale nochmal bei Naht zu jedem Programm gesungen wurde als es Eine Phase in der DDR gab, wo man Ostberlin als die Hauptstadt der DDR bezeichnete um sich abzugrenzen von West-Berlin machte.

00:08:11: Der damalige Distudirektor in den Siebzigerjahren aus dem Begriff das Janze Berlin auf unser Berlin.

00:08:20: Insoweit stimmte dann das alte Finale dann auch politisch mit denen überein, dass die DDR sich als eigenständiger Staat mit einer eigenen Hauptstadt gesehen hat.

00:08:33: Zur Erich Brehm ist vielleicht noch zu sagen er war ja Mathematiklehrer, also Pädagoge und er ließ diesen Pädagogen auch als Disteldirektor immer raushängen.

00:08:46: Er hatte es hervorragend verstanden junge Leute jungen Autoren, die zur Distel stießen an sich zu binden.

00:08:56: es beigebrachte, wie man Kappa der Texte schreibt.

00:08:59: Und Erich Brehm war so klug hat nicht gesagt wenn jemand zu ihm kam mit einem Text das der Text nicht gut ist oder schlecht ist.

00:09:09: er hat gesagt findest du das gut?

00:09:13: und da hat das so gesagt dass der andere in Zweifel kam und meinte ja du hast recht und es gibt Leute die wir Hans Rascher überhaupt hatten dass er zehn, fünfzehn Mal mit einem Text nach Hause geschickt wurde und immer wieder gefeilt hat.

00:09:29: Bis dann Bremen gesagt hat, ja jetzt können wir uns spielen.

00:09:33: Erich Bremen verdanken wir auch den wunderschönen Titel, mit dem ich das Buch überschrieben habe beim Barte des Proleten.

00:09:44: Ein Programm mit dem Titel Beim Barte Des Proletens sollte im Frühjahr in der Diestel über die Bühne gehen.

00:09:54: Dieser Titel wurde nicht genehmigt und das war dann auch der Grund, weshalb Erich Brehm dann als Dienstutdirektor nach mehreren Jahren des Sicherumschlagens mit der Partei gesagt hat.

00:10:10: Ich mache es nicht mehr und habe das Handtuch als Direktor geschmissen.

00:10:14: Wie schon in Verbindung mit Erich löst, habe ich ja darauf hingewiesen dass das Jahr neunzehnhundertsechsenfünfzig ein politisch sehr brisantes Jahr war Und da begann ja eine Aufbruchphase in der gesamten Kultur, aber nicht nur in der Kulturpolitik.

00:10:29: Die Berliner waren ein bisschen vorsichtig, aber irgendwann dann im Jahre ... ... Ende fifty-seven hatten sie sich dann entschieden doch einen Programm zu machen was den Titel tragen sollte beim Barte des Proleten.

00:10:43: Dieses Programm kam trotz Voreinstudierungen schon nicht auf die Bühne.

00:10:50: Viele Texte flogen raus und das Programm kam dann raus unter dem Titel Lieber-und-Raketenbasen.

00:10:57: Und ich habe mir die Mühe gemacht, nach Dieselunterlagen zu suchen und dort fand ich den Text, den Erich Brehm für das Programm Heft geschrieben hatte um gleich mit der Tür ins Haus zu platzen.

00:11:12: natürlich hat unser Titel einen politischen Gehalt.

00:11:16: Ist das schlimm?

00:11:18: Beim Barte des Propheten Schworen in alten Zeiten diejenigen, die mehr vom Glauben als vom Wissen hielten.

00:11:27: Beim Barte des Proleten schwören wir, die wir mehr von Wissen als vom Glauben halten.

00:11:34: Prolete und Propheten beziehungsweise Wissen und Glaubem sind ja ein gewisser und geglaubter Hinsicht dialektische

00:11:42: Gegensätze.".

00:11:43: Was man aber in einem Covered leider nicht bis zum Ende aus diskutieren kann, ohne aus dem Rahmen zu fallen.

00:11:51: Was aber ist der Bart des Proleten?

00:11:55: Nun, jener Mann weiß dass Marx und Engels Bärte trugen gegen die der Bartes Propheten das reinste Kinderspiel war!

00:12:05: Die Proletarier Russlands schworen beim Barthelénins zu siegen und die Revolution zu verteidigen.

00:12:13: auch heute tragen leitende Funktionäre des Politariats aller Länder hin und wieder Bärte.

00:12:21: So ist zum Beispiel der Bart des ersten Sekretäers unserer sozialistischen Einheitspartei geradezu berühmt.

00:12:27: Alle diese Bärthe meinen wir, wenn wir symbolisch vom Barter des Proleten sprechen.

00:12:37: Der Hintergrund weshalb dieser Titel nicht auf der Bühne kam war aber der Bart von Walter Ulbricht Und man hat diesen Titel als persönliche Anspielung verstanden.

00:12:47: Es gab aber auch in diesem Programm, ich habe es sehr ausführlich von den Texten analysiert einige Dinge die schon an die Grenze gingen.

00:13:01: In dem Buch habe ich das Programm sehr intensiv analysiert Und erstaunlicherweise habe ich im Archiv der Distl die einzig erhaltenen handschriftlichen Aufzeichnung des Zensors vom Magistrat von Berlin gefunden, der also seine Meinung zu dem einen oder anderen Text niedergeschrieben hat.

00:13:22: Ein Text in diesem Programm hieß Tabu.

00:13:27: Als Lied wurde für diesen Text benutzt die Melodie eines in den fünftiger Jahren sehr aktuellen Südseeschlagers Tabu, tabu.

00:13:38: In dem Text geht es darum dass ein Matrose durch die ganze Welt fährt und überall begrüßt wird und zum Schluss kommt er eben auch in die DDR und da wird ihm dann gesagt das er ohne Einreisegenehmigung nicht in die ddr hineingelassen wird.

00:13:59: Das erlaubt die Regierung nicht so sagte der Matrose, dann werde ich mich ihm bei der Regierung über die Regierung beschweren.

00:14:08: Über die Regierung?

00:14:10: sagten die Fischer, die ihn nicht an Land ließen.

00:14:13: Das ist ja wohl so eine Sache!

00:14:15: Das ist nämlich so.

00:14:16: Tabu tabu rühre nicht den Zauber an, sonst brichst du den Zauerband und der Götterstrahl trifft dich im Luh.

00:14:25: das Berühren der Figuren mit dem Pfoten ist verboten.

00:14:30: Tabuu.

00:14:32: Erich Bremse wurde dann von Lothar Kuschel berichtet, hat um diesen Text gekämpft.

00:14:38: Obwohl ihm eigentlich klar gewesen sein muss den kriecht er nicht durch und man hat ihm dann geraten gibt auch diesen Text auf.

00:14:45: wir wollen da das die anderen Texte im Programm durchkriegen.

00:14:47: aber dass war für ihn der Grund dann zu sagen nein hier gehe ich also nicht von meinen Gedanken ab und das war dann auch eben der Grund weshalb er kurz danach seinen Posten als Disteldirektor aufgegeben hat.

00:15:03: Er schrieb dann zwar in den Jahren danach immer wieder mal Texte für die Distel, aber diese Texte wurden dann so abgeschwächt verfälscht dann gebracht dass sie eigentlich sich ins Gegenteil verkehrten.

00:15:15: Erich Bremen ist sehr früh verstorben.

00:15:18: er hatte eine schwere Krankheit ne Bluterkrankheit und ist im jahre neunzehnhundert sechsundsechzig mit sechsundfünfzig Jahren schon verstorgen.

00:15:26: Und es gibt eine wunderschöne Aussage von Lothar Kusche niemals trat Erich Brehm so auf, wie man sich einen Theaterdirektor vorstellt.

00:15:36: Sondern immer so, wie ein Theaterdirektor wünscht!

00:15:41: Ja, ein beeindruckender Mann ohne den es die Distel wahrscheinlich nicht gegeben hätte.

00:15:47: Vielen Dank Jürgen Klammer!

00:15:48: Das war die sechzigste Folge des Zungenspitzer-Podcasts der ja regelmäßig an jedem ersten eines Monats zu hören ist.

00:15:56: Am ersten Juni können wir uns deswegen wiederhören mit Jürg Klammar und dann widmen wir uns dem Lied... Da hat vor fünfzig Jahren noch keiner dran gedacht was es damit wohl auf sich hat bis dann.

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